Ein persönlicher Blick auf einen versuchten Ausschluss beim CSD Schönebeck
Community ist eines dieser Worte, das nach Schutz klingt. Nach Solidarität. Nach einem gemeinsamen Raum, in dem wir uns gegenseitig stärken, gerade weil die Gesellschaft es oft nicht tut. CSDs sind Teil dieser Idee – entstanden aus Protest, aus Widerstand gegen Ausgrenzung, Polizeigewalt und Unsichtbarkeit. Sie stehen für Sichtbarkeit, Vielfalt und politische Kraft.
Beim CSD Schönebeck kam es zu einem Vorfall, der mich bis heute beschäftigt. Durch die Demoleitung – konkret über Falko Jentsch, überbracht durch eine dritte Person – wurde versucht, mich und damit auch das ZfsG von der Demonstration auszuschließen. Dieser Ausschluss konnte nur durch das Eingreifen der Polizei verhindert werden. In dem Moment ging es nicht mehr um politische Symbolik oder unterschiedliche Perspektiven, es ging ganz konkret darum, ob ich als schwule Person, als Vertreter des ZfsG und auch als Vorstand des LSVD, Teil einer Demonstration sein darf, die sich selbst als Ausdruck von Vielfalt und Community versteht.
Was diese Situation zusätzlich schwer greifbar macht, ist der Kontext: Während Schwester Sora auf dem Demotruck über Zusammenhalt, Community und Solidarität gesprochen hat, lief gleichzeitig ein Prozess, der genau diesen Zusammenhalt praktisch infrage stellt. Ich habe mich in diesem Moment nicht als Teil einer geschützten Community erlebt, sondern als jemand, der aus ihr herausgedrängt werden soll.
Natürlich weiß ich, dass Communities keine konfliktfreien Räume sind. Menschen haben unterschiedliche Erfahrungen, Perspektiven, politische Einschätzungen. Das ist normal und auch nicht das Problem. Das Problem beginnt jedoch dort, wo aus Verantwortung Macht wird. Und aus Macht Entscheidungen gefällt werden, die nicht mehr transparent, nicht mehr nachvollziehbar und nicht mehr verhältnismäßig wirken.
Ein CSD ist kein privater Raum einzelner Verantwortlicher. Er ist politischer Protest und er lebt davon, dass er Menschen zusammenbringt. Er lebt nicht davon, dass einzelne darüber entscheiden, wer dazugehören darf und wer nicht. Der Christopher Street Day Sachsen-Anhalt e.V. trägt dabei eine besondere Verantwortung. Nicht nur nach außen, in der Darstellung von Vielfalt und Haltung, sondern auch nach innen: im Umgang mit Konflikten, mit Macht, mit Entscheidungen über Teilhabe. Denn genau hier entsteht Glaubwürdigkeit oder ihr Verlust.
Für mich persönlich war dieser Vorfall eine emotionale Zäsur. Weil er etwas berührt, das über diesen einen Tag hinausgeht: die Frage, wie sicher und verlässlich Community wirklich ist, wenn es konkret wird. Und genau deshalb ist Schweigen hier keine Lösung. Kritik daran ist kein Angriff auf Community. Sie ist der Versuch, sie ernst zu nehmen. Denn eine Community zeigt sich nicht nur in ihren Reden, Parolen und Symbolen sondern in dem, was passiert, wenn es unbequem wird.
Die zentrale Frage bleibt für mich deshalb offen und sehr konkret: Wer gehört zur Community – und wer entscheidet das eigentlich?
Und vielleicht noch wichtiger: Können wir uns solche "Spielchen" in der heutigen Zeit überhaupt leisten? Während LSBTIAQ*-Menschen in der gesamten Bundesrepublik zunehmend Anfeindungen, politischem Druck, Hass und dem Versuch ausgesetzt sind, Sichtbarkeit wieder zurückzudrängen, sollten unsere Räume doch Schutz bieten. Gerade jetzt, wo Rechte, Sicherheit und gesellschaftliche Teilhabe vielerorts infrage gestellt werden, braucht es Zusammenhalt statt Ausgrenzung, Haltung statt Machtspielchen und eine Community, die sich nicht selbst schwächt, während andere genau darauf hinarbeiten.
Andreas Bösener
- Referent Social Media / MSM / Internetgestützte Prävention
- Medizinproduktbeauftragter, gemäß §6 MPBetreibV
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