Die Bedeutung von Präventionsarbeit

Ein Interview

Bea und Benny

HIV-Prävention und Sexualkunde sind wichtig! Das denke ich mir zumindest. Ich heiße Benike und bin seit einigen Wochen bei der Aidshilfe Sachsen-Anhalt Nord e.V. dabei. Bei mir liegt die Schulzeit schon einige Jahre in der Vergangenheit. Von Bienchen und Blümchen hat uns der ein oder andere Lehrer mal berichtet, und wo noch Fragen offengeblieben sind, da half das Internet aus. Dass es aber spezielle Referent*innen gibt, die sich mit dem Thema befassen und eine umfassende Aufklärung in den Schulen und anderen Bildungsinstitutionen betreiben, das hätte ich mir zwar denken können, wirklich bewusst war ich mir dessen aber eigentlich nicht.  

Darum habe ich einmal die Runde gemacht und mir zwei meiner Mitarbeiter*innen geschnappt, die mir als – noch nicht ganz in der Materie steckenden – Neuling Fragen beantworteten, die mir unter den Nägeln brannten. Ich wollte wissen, welche Erfahrungen sie in ihrer eigenen Schulzeit mit der Thematik gemacht haben und worauf das Team der Primärprävention heute ihr Hauptaugenmerk bei der Wissensvermittlung legt.  

Für das Interview standen uns der Kollege Benjamin-Lukas Küster und die Kollegin Beatrice Peglau Rede und Antwort.  

Benjamin ist zwanzig Jahre alt und konnte im Rahmen seines Studiums ‚Gesundheitsförderung und -management‘ einige Wochen hinter die Kulissen des Alltags der Aidshilfe Sachsen-Anhalt Nord e.V. blicken. Er erzählt uns, wo seine ersten Berührungspunkte mit dem Thema HIV bzw. Sexualkunde lagen und wie er diese Erfahrungen aus heutiger Sicht bewertet.  

Hallo Benny! Kannst Du Dich noch an Deine erste Sexualkundeveranstaltung erinnern? Worum ging es da eigentlich? 

Benny: Das war in der Grundschule, ungefähr dritte oder vierte Klasse. Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Uns wurde gezeigt wie das alles untenrum so funktioniert. Eigentlich hat uns das ein animierter Film gezeigt. Das hat irgendwie mehr Fragen hinterlassen, als es beantwortete. Zumal man in dem Alter ja noch nicht wirklich über sowas nachdenkt. Eigentlich hatten viele meiner Klassenkameradinnen und -kameraden kein wirkliches Verständnis für die Veranstaltung und wieso, weshalb, warum das jetzt gemacht wird.  

War die Sexualkunde, auch in späteren Schuljahren, festgelegter Unterrichtsbestandteil oder galt sie als besonderer Anlass, zum Beispiel im Rahmen einer Projektwoche? 

Benny: Also im Grunde genommen war es kein Bestandteil des Unterrichts. Hin und wieder wurde ein bisschen über die menschliche Anatomie geredet, die Seiten mit Mann und Frau im Buch kennt man ja. Die einzige Veranstaltung die wir dann zu dem Thema hatten war in der 10. Klasse. Hier ging es vor allem um die Prävention von HIV und was für Auswirkungen die Krankheit haben kann. Aber mit Sexualpädagogik hatte das nicht viel zu tun. Und im Unterricht wurde eben erst gar nicht darüber geredet, auch andere STIs oder sexuelle Orientierungen zum Beispiel wurden in der Schule nicht aufgegriffen.  

Was hat Dich denn besonders interessiert, blieb etwas im Gedächtnis hängen? 

Benny: Also im Bezug auf die Präventionsveranstaltung war das schon interessant. Man hat ja keine Berührungspunkte mit dem Thema gehabt. Aber da es von der 5. Bis 12. Klasse nur eine einzige Veranstaltung gab hatte man den Eindruck, so wichtig ist es ja nicht. Zumal man im Jugendalter ohnehin durch andere Sachen über Sexualität gut Bescheid weiß. 

Wenn Du sagst man weiß schon gut Bescheid, wo hast Du denn Deine Informationen herbekommen?  

Benny: Na ja, also von Zuhause eher weniger. Die Themen Geschlechtsverkehr oder Sexualität wurden jetzt nie so wirklich angesprochen. Ich glaube das meiste kam wirklich aus dem Internet und natürlich dem Freundeskreis. Dann treibt man sich aus Neugier in irgendwelchen Foren rum oder guckt Pornos. Wer macht das denn nicht? Aber sowas hat mit dem echten Leben natürlich wenig zu tun und mit HIV noch weniger. Und da wir alle in der Klasse eigentlich herzlich wenig über HIV und AIDS Bescheid wussten, standen wir der Präventionsveranstaltung auch echt offen gegenüber.  

Gab es etwas, das Du in der Sexualkunde oder Prävention vermisst hast? Hattest Du bestimmte Erwartungen an das Erzählte? 

Benny: Also Erwartungen hatte ich keine an die HIV Prävention. Es war für mich auch irgendwie nicht relevant, damit hab ich mich halt nie beschäftigt. Was ich aber gerne gehört hätte, auch unabhängig vom Thema HIV wäre die Vielfalt und der Umgang mit sexuellen Orientierungen, dass das eigentlich ganz normal ist. Wir konnten auch nicht selbst handanlegen bei den Veranstaltungen. Also uns wurde gezeigt, wie man ein Kondom richtig überstreift, aber mit dem Zuschauen war das auch getan. Und wenn man das nicht einmal selbst macht kriegt man ja auch kein Gefühl dafür. Und durch meine Arbeit bei der Aidshilfe ist mir auch aufgefallen, dass andere STIs, die sogar häufiger vorkommen und einfacher zu übertragen sind, überhaupt gar nicht behandelt geschweige denn benannt wurden.  

Wenn Du mit Deinen heutigen Kenntnissen in der Zeit zurückreisen könntest: Was hätte Dir als Jugendlicher unbedingt nähergebracht werden müssen bzw. welche Verbesserungsvorschläge hättest Du? 

Benny: Also ich fände es gut, wenn Sexualkunde nicht auf eine Veranstaltung beschränkt ist. Vielleicht mehrere Veranstaltungen in einem Schuljahr, die zwar aufeinander abgestimmt sind aber immer ein anderes Thema behandeln. Der Unterricht sollte auch nicht nur in großen Gruppen stattfinden, manche trauen sich auch gar nicht, aus Angst gemobbt zu werden, bestimmte Fragen zu stellen oder sich zu manchen Sachen zu äußern, vor allem was Krankheiten und sexuelle Orientierung angeht. Da sollten solche Thementage auch helfen, Vorurteile und Ängste anzusprechen und aus dem Weg zu räumen. Und ich finde, Jungs und Mädchen sollten manche Themen auch zusammen besprechen, da es nicht schaden kann, über die Befindlichkeiten des anderen Geschlechts Bescheid zu wissen.  

Beatrice Peglau ist seit 2011 bei der Aidshilfe Sachsen-Anhalt Nord e.V. Sie ist ein fester Bestandteil des Teams der Primärprävention und erzählt uns kurz von ihren Erfahrungen aus der aufsuchenden Arbeit. 

Hallo Bea! Kannst Du Dich noch an Deine erste Veranstaltung im Namen der Aidshilfe Sachsen-Anhalt Nord e.V. erinnern? Worum ging es und was waren Deine Aufgaben? 

Bea: Meine erste Veranstaltung ist nun mittlerweile neun Jahre her. Das war eine HIV-Prävention und ich war noch ganz frisch in dem Geschehen. Daher war das, was ich gemacht habe, auch nicht so überwältigend viel. Der Fokus lag damals eher auf der Theorie, also wie und ab wann man sich testen lassen kann, wo ein Risiko besteht und einfach allgemeine Infos zum Thema HIV bzw. AIDS. Damit die Schülerinnen und Schüler sich besser auf das Gesagte konzentrieren konnten, habe ich für sie während der Veranstaltung das Tafelbild gestaltet.  

Worauf legst Du in heutigen Veranstaltungen wert? 

Bea: Ich fange immer gerne mit einer Vorstellungsrunde an. Die Schüler*innen sollen mich kennenlernen und umgekehrt. Dadurch wird die ganze Veranstaltung, egal ob Sexualkunde oder HIV-Prävention etwas persönlicher und man kann sich über das Thema einfach ein bisschen offener unterhalten. So kriege ich auch gleich einen Eindruck davon, wie meine Zielgruppe drauf ist und was ich erwarten kann bzw. wo der Schwerpunkt liegen könnte. Natürlich holen wir uns auch Informationen von den Lehrer*innen oder Sozialarbeiter*innen im Voraus, damit wir die Veranstaltung von Anfang an zielgruppenorientiert planen können. Trotzdem muss man als Referendar*in bei der Gestaltung sehr flexibel sein, um jeden und jede dort abholen zu können, wo sie vom Wissensstand her gerade sind. Es ist mir auch wichtig, offen und unvoreingenommen über das gewählte Thema sprechen zu können, damit auch bloß keine Ängste geschürt werden, was zum Beispiel die Möglichkeit einer STI angeht.  

Hast Du einen Eindruck von den Reaktionen Deiner Zielgruppe? Was finden sie besonders spannend? 

Bea: Die Kinder und Jugendlichen freuen sich immer über Dinge zum Anfassen. Darum ist mir ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Theorie und Praxis ganz wichtig. Wer kennt das aus Schulzeiten nicht, wenn man ewig von vorne Input bekommt und irgendwann nicht mehr zuhören kann. Deshalb lockern wir die Theorie immer durch andere Dinge auf. Mal gucken wir einen Film oder wir bringen Material mit, das zum Thema passt. Denn es ist ganz wichtig, dass man nicht nur was zum Gucken hat, sondern auch zum Anfassen und vor allem Mitmachen. Wir können in den Veranstaltungen auch Spiele spielen, zum Beispiel Kahoot (ein Online-Mitmach-Quiz). Und über die Jahre hat man natürlich viele Mittel und Wege gefunden, die Kinder und Jugendlichen teilhaben zu lassen. Uns ist auch ein ehrliches Feedback wichtig, weshalb es am Ende jeder Veranstaltung Feedbackbögen gibt, die anonym ausgefüllt werden können. Und die Resonanz fällt so gut wie immer sehr positiv aus.  

Wenn Du eine Deiner ersten Veranstaltungen mit einer Deiner Letzten vergleichst, welche Unterschiede fallen Dir auf? 

Bea: Also was die Veranstaltungen von HIV-Prävention und Sexualpädagogik angeht sind wir auf jeden Fall vielfältiger geworden. Man muss dazu sagen, dass es in meiner Anfangszeit gar keine Sex.Päd. gab, wir haben das einfach aus dem sichtbar bestehenden Bedarf heraus mitentwickelt. Und über die Jahre bekommt man natürlich ein Gespür dafür, wo eigentlich die Bedürfnisse bei den Kindern und Jugendlichen liegen. Da fällt es mir leichter, das zu erkennen und wenn es nötig ist auch mal umzuswitchen. Da wären wir eben wieder beim Thema Flexibilität. 

Auch die Themen bei Jugendlichen sind anders geworden. Im Alltag kommen sie viel mehr mit Sexualität und ihren Themen in Kontakt als das vor zum Beispiel zehn Jahren  der Fall war. Wir müssen aber aufpassen, weil es ja so einen leicht zugänglichen Informationsfluss gibt, dass die Kinder und Jugendlichen keine falschen Informationen aufschnappen. Da müssen wir natürlich an Gelerntes anknüpfen und wenn nötig auch das ein oder andere vermeintlich Richtige korrigieren. Zumal heutzutage die Eltern kaum noch eine aufklärende Funktion in Sachen Sexualkunde haben. Da kommt meistens der Satz, den ich sogar aus meiner Jugend noch kenne: „Verhüte ordentlich, pass ja auf dass Du erst deinen Schulabschluss hast!“ Also Mädchen müssen die Pille nehmen und Jungs müssen wissen wie ein Kondom funktioniert. Mehr passiert in Sachen Aufklärung selten. Da können wir auch manchmal in diese Rolle fallen. Und beim Stichwort Eltern fällt mir ein: Am besten ist es, wenn alle Partner zusammenarbeiten. Also die Kinder und Jugendlichen, deren Eltern, sowie Lehrkräfte und Sozialarbeiter*innen und eben wir als Dritte. Dann können wir viel genauer an bereits vorhandenes Wissen anknüpfen bzw. wissen Bescheid, wo noch Informationsbedarf besteht.  

Wenn Du mit Deinem heutigen Wissen Deine erste Veranstaltung wiederholen könntest, würdest Du etwas anders machen? 

Bea: Auch hier finde ich es wieder wichtig: Die Kinder und Jugendlichen partizipieren lassen. Sie sollen teilhaben und die Veranstaltung auch bis zu einem gewissen Punkt mitgestalten können. Im Endeffekt sind sie es ja, die daraus einen Nutzen ziehen sollen. Ich finde, je mehr die Kinder mitmachen können, desto besser. Und das war in meinen ersten Veranstaltungen noch nicht wirklich so.  

Darüber hinaus ist es wie eben erwähnt auch wichtig, dass alle Parteien, die involviert sind, auch mitmachen. Dass wir als Aidshilfe Sachsen-Anhalt Nord für die Durchführung verantwortlich sind ist ja völlig klar. Aber die Tatsache, dass unsere HIV-Präventions- und Sex.Päd.-Veranstaltungen ihren Nutzen haben und im Gedächtnis hängen bleiben, liegt auch in der Verantwortung der Schule und der Eltern der Kinder und Jugendlichen.  

So weit so gut. Was können wir nun von dem Gesagten mitnehmen?  

HIV-Prävention und Sexualpädagogik bzw. -kunde wurden ineinander verwoben. Und das aus gutem Grund. Die Sexualpädagogik dient quasi als Grundlage für eine gelingende HIV-Prävention, besonders bei Schülerinnen und Schülern. Was bringt das Wissen über STIs, wenn die jungen Menschen doch noch gar keinen Sex hatten oder erst in die Basics eingeführt werden müssen. Dass einer Infektion mit Vorsichtsmaßnahmen und Grundwissen vorgebeugt werden kann setzt auch voraus, dass Schüler*innen in der Lage sind, ihre Sexualität selbstbestimmt, aber mit einer gewissen Vorsicht ausleben zu können.  

Daher ist es sehr wichtig, die in unserer Gesellschaft noch stark mit Scham behaftete Konversation über Sexualität – und allem was dazu gehört – zu enttabuisieren, ohne dabei die Feinheiten in der individuellen Wahrnehmung zu übersehen. Wir wollen, dass solche Themen – und dabei speziell HIV und andere STIs – offen und in erster Linie angstfrei besprochen werden können. Denn oftmals beruht die Angst auf einem Mangel an Information.  

Sex soll Spaß machen! Aber Vorsicht ist besser als Nachsicht. Sehen wir es einmal so: Fast alle lieben ihr Auto und den Fahrspaß. Und da stellt auch niemand freiwillig den Airbag aus.

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